Lesestoff nicht nur für Wintertage­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­

Diese Rubrik bietet kurzweilige Rezensionen von wettertauglichen Büchern, zu den Themen Kunst, Kultur, Bildhauerei und Fotografie, die auch trübe Tage zum Leuchten bringen können und manch' einer auch für sich entdecken mag. ­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­

Da ich Bücher sehr liebe, werde ich die Rubrik so oft wie möglich mit neu entdeckten "Leuchtfeuern" anreichern.

Es lohnt sich also, immer mal wieder hier vorbeizuschauen.



 

"Lesen, bis die Wimpern leise klingen."

Elias Canetti, Schriftsteller und Aphoristiker (1905-1994)

 

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Brigitte Lardinois (Hrsg.)

Eve Arnold: Porträts und Fotoreportagen

 

Mit einem Vorwort von Anjelica Huston und einer Einführung von Isabella Rosselini

 

Collection Rolf Heyne, April 2009, 176 S., Gebunden mit Schutzumschlag, mit 150 Duotone- und Farbfotografien, Format 23 x 28 cm, 6,99 €

 

Das Buch ist eine überaus gelungene Hommage an die US-amerikansche Fotografin Eve Arnold, die 1951 als eine der ersten Frauen von der  renommierten Bildagentur Magnum unter Vertrag genommen wurde, die Lieblingsfotografin zahlreicher Hollywoodstars war und die 2012 beinahe ihren hundertjährigen Geburtstag gefeiert hätte. Leider ist sie kurz zuvor, am 4. Januar 2012, in London verstorben.

 

Erstmals sind die besten Bilder ihrer "langen und mutigen Reise des Sehens", die "so einzigartig sind wie sie", wie  Anjelica Huston sehr treffend im Vorwort schreibt, in einem Band versammelt. Und ich kann nur sagen: Dieses Fotobuch ist ein Geschenk!

 

Nicht nur wegen der liebevollen Aufmachung, der informativen und persönlichen Texte von Anjelica Huston und Isabella Rosselini, der Vielfalt und Qualität der gezeigten Fotografien, sondern insbesondere auch, weil die ausgewählten Bilder so viel über die Fotografin selbst erzählen.

 

Nachdem ich diesen Band immer und immer wieder zur Hand genommen habe, bin ich fasziniert von dem Können und der Vielseitigkeit dieser außergewöhnlichen Fotografin. Wie gerne hätte ich sie einmal persönlich kennengelernt, mich ausgiebig mit ihr unterhalten und von ihr gelernt! Ich bin mir sicher, ich hätte sie sehr gemocht.

 

Neben vielen anderen Qualitäten wie Neugier, Leidenschaft, Sensibilität, Mitgefühl und Ausdauer muss sie eine große Portion Herzensbildung besessen haben, sonst hätten diese authentischen und respektvollen Fotos nicht entstehen können.

 

Sie, die während ihrer zahlreichen Reisen so viel von dem gesehen hat, was Himmel und Hölle zu bieten haben, schien es zu lieben, das einzufangen, was unter der Oberfläche liegt. Sie zielte auf das Wesentliche. Es ist, als hätte sie nicht nur hinter die Masken derjenigen geschaut, die sie mit ihrer Kamera eingefangen hat, sondern geradewegs in ihre Seele. Dabei hat sie ihr Gegenüber niemals bloß gestellt, oder lächerlich gemacht.

 

Ganz im Gegenteil, Arnolds Bilder zeugen von ihrer Liebe zu den Menschen. Egal ob arm oder reich, weiß oder schwarz, außergewöhnlich oder scheinbar banal, berühmt oder völlig unbekannt - sie hat sie alle gleich behandelt. Ich habe den Eindruck, die Fotografin Eve Arnold wollte das "Sein" einfangen und nicht den Schein. Den sieht ja  eh jeder. Wie gerne würde auch ich solch ausdrucksvolle und berührende Fotografien zaubern ...

 

Fazit: Der Fotoband zeigt tolle Fotos, lädt dazu ein, in das vielfältige Werk der Eve Arnold einzutauchen und mit ihr auf die Reise zu gehen und er schafft es - ganz en passant -Leserinnen und Lesern die Künstlerin Eve Arnold nahe zu bringen. Darüber hinaus ist das Buch zur Zeit überaus preiswert zu haben!

 

http://www.collection-rolf-heyne.de



 

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Asta Scheib

Das Schönste, was ich sah

Romanbiographie

dtv Verlag, März 2011, 416 S., 9,90 €

 

Giovanni Segantinis Mutter stirbt früh, mit sieben Jahren wird er Waise. Ein Zeit lang lebt er bei seiner lieblosen Halbschwester in Mailand, die ihn jedoch bald in eine Besserungsanstalt abschiebt. Seine Kindheit und Jugend ist von Armut und Hunger geprägt. Niemand hätte in seinen jungen Jahren auch nur einen Heller darauf gegeben, dass aus ihm einmal ein gefeierter Künstler werden würde. Einer, der gerne auf großem Fuß lebt und es liebt, andere  reich zu beschenken, wenn ein Bild verkauft und Geld im Haus ist.

 

Der 1858 in Arco am Gardasee (das damals noch zu Österreich gehörte) geborene Maler, der die Menschen und die Landschaft der schroffen Graubündener Bergwelt so eingefangen hat, wie er sie sah, war Zeit seines Lebens staatenlos - ein Getriebener, ein Suchender. Allein die Malerei und die unerschütterliche Liebe seiner treuen Gefährtin Luigia Bugatti, die er nie heiraten durfte, weil er keine gültigen Papiere besaß, gaben ihm Kraft und schützten ihn vor den Unbilden des Lebens.

Diese ungewöhnliche Liebe, zwischen dem armen, sensiblen, begnadeten Künstler und der schönen, reichen, verwöhnten Mailänder Bürgertochter Luigia, deren Bruder Carlos bereits einen Namen als Möbelbauer hat und gemeinsam mit Segantini die Mailänder Kunstakademie Brera besucht, ist Thema des Romans von Asta Scheib „Das Schönste, was ich je sah“.

Der Maler und das erst 17 jährige Mädchen werden schon bald nachdem sie sich kennenlernen ein Paar. Er malt ein berühmtes Bild von ihr, als sie fast noch ein Kind ist und er liebt sie, solange er lebt.

Es ist ein turbulentes Leben, das Asta Scheib überaus bildhaft, lebendig und mit großer Sachkenntnis beschreibt. Nichts kann die beiden trennen. Nicht der unterschiedliche Bildungsstand (Segantini lernt erst sehr spät Lesen und Schreiben und das nicht besonders gut), nicht der immer wiederkehrende Geldmangel, der dauernde Ärger mit Giovannis Galeristen Alberto Grubicy, nicht die ständigen Umzüge, nicht das unstete Leben.

Luigias Hingabe und ihr Verständnis für die eigenwillige Lebensweise des schrägen Vogels mit dem wilden Haarschopf und dem intensivem Blick, sowie dessen unabdingbare Liebe zu seiner „Bice“, die er anbetet und deren Klugheit er sehr schätzt , wappnen dieses ungewöhnliche Paar, das gemeinsam vier Kinder hat, gegen sämtliche Widrigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellen.

Die Romanbiographie über das Leben Segantinis, den scheuen "Meister des Lichts", wie er genannt wird, und seine große Liebe Luigia Bugatti, die er Zeit seines Lebens zärtlich Bice nennt, ist  faszinierend, mitreißend und einfühlsam geschrieben, und wenn der große Künstler am Ende viel zu früh, mit nur 41 Jahren, hoch oben auf dem Schafberg stirbt, kann man gar nicht anders, als mit seiner treuen Gefährtin mitzufühlen, die in viel zu jungen Jahren Witwe wird, von da an auf immer alleine bleibt und ihren Geliebten um 35 Jahre überlebt.

 

„Die Kunst ist die Liebe, in Schönheit gehüllt“.

Giovanni Segantini 

 



http://www.dtv.de/buecher/das schoenste was ich sah



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Hanna Gagel

So viel Energie

Künstlerinnen in der dritten Lebensphase

 

Aviva Verlag, 2009 (3. Auflage), 268 S., 29,80 €

 

"Ich baute ein Imperium, es ist mein Zuhause, es ist mein Imperium, es ist mein Leben" ... "Was mein ganzes Leben ist, soll ich zeigen. Ich will das ganze Haus nicht nur eine Veranda!" So zitiert Hanna Gagel in ihrem Buch "So viel Energie" (S. 98) Louise Nevelson, die erste amerikanische Bildhauerin des 20. Jahrhunderts, die internationale Anerkennung erlangte und die als erste Frau überhaupt die USA bei der Biennale in Venedig vertrat. Das war im Jahr 1962.

 

Louise Nevelson ist eine der 16 von der Kunstwissenschaftlerin Hanna Gagel sorgsam und liebevoll pörträtierten Künstlerinnen, die in ihrer dritten Lebensphase zu Hochform auflaufen. Malerinnen und Bildhauerinnen, die in ihrer letzten Lebensphase  künstlerisch ganz neue Wege gegangen sind. Louise Bourgeois zum Beispiel baute mit 90 Jahren riesige Türme und Käfige und Käthe Kollwitz schuf ihre berühmte Pietà erst im Alter von 70 Jahren. Jedes Kapitel widmet sich ausführlich einer Künstlerin, zeichnet ihren persönlichen Lebensweg, berichtet über Krisen, die gemeistert und Brüche, die in die Kunst integriert wurden.

 

Die Autorin verbindet in dem aufwändig gestalteten und sehr lesenswerten Buch geschickt Biographisches und Kunstgeschichtliches zu einem farbenfrohen Panorama und lässt ganz unterschiedliche Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts zu Wort kommen und deren Alterswerke für uns lebendig werden. Sehr empfehlenswert!

 

Ich persönlich greife immer wieder zu dem Buch, um immer wieder fasziniert einzutauchen in diese kraftvollen, ausdrucksstarken, energiereichen und radikalen Lebensentwürfe, denen es überzeugend gelingt den "Mythos Alter" ganz neu zu beleuchten. Der Preis ist stattlich, scheint mir aber angemessen. Die Investition lohnt sich unbedingt!

 

www.aviva-verlag.de



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Florian Illies

1913

Der Sommer des Jahrhunderts

 

S. Fischer Verlag, Frankfurt 2012, 320 S., 19.90 €

 

Ach, wenn ich doch auch so mit Worten zaubern und aus bisweilen trockenen Fakten und Tatsachen, derart bunte und großartige Geschichten weben könnte. 

 

1913“ liest sich spannend wie ein Krimi, ist poetisch wie ein gelungenes Gedicht, funkelnd und kurzweilig wie ein guter Roman, manchmal humorvoll, manchmal ernst, immer jedoch emphatisch. Jedes Wort sitzt. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören zu lesen.

 

Der Autor lädt den geneigten Leser zu einer Zeitreise ein, die es in sich hat: Es ist nicht nur das Jahr vor dem 1. Weltkrieg, sondern auch ein Jahr des atemlosen Fortschritts, in dem Kunst und Kultur in höchster Blüte stehen. Es ist das Jahr, in dem Kokoscha seine Angebetete Alma Mahler malt, sich die Künstlergruppe ‚Die Brücke‘ auflöst, Gertrude Stein die berühmten Worte schreibt „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ und Franc Marc blaue Pferde stapelt.

 

Es ist das Jahr, in dem Louis Armstrong im Januar knallend das Jahr 1913 begrüßt, Rilke immer wieder an Schnupfen leidet, Emil Nolde in die Südsee reist und Arthur Schnitzler am 31. Dezember in sein Tagebuch notiert: „Sehr nervös tagsüber".

In Florian Illies facettenreichem Buch treten die unterschiedlichsten, exzentrischsten, buntesten Personen auf - auch ein paar finstere: Schriftsteller wie Franz Kafka, Thomas Mann, Else Lasker-Schüler oder Robert Musil, Maler wie Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Henri Matisse oder Picasso. Hitler und Stalin, die sich 1913 beide in Wien rumtreiben, sind auch dabei. Und noch viele andere mehr. Coco Chanel zum Beispiel und Alma Mahler.

 

Der Autor erzählt das Jahr anhand zahlreicher kleiner Geschichten und Anekdoten, die Appetit machen darauf, sich mit dem einen oder anderen Künstler bzw. der einen oder anderen Künstlerin intensiver zu beschäftigen. Ein Bild von Kokoschka vielleicht mit neuem Blick zu betrachten, einen Roman von Schnitzler oder Thomas Mann (noch) einmal in die Hand zu nehmen oder einzutauchen in eine Biographie über Picasso oder Coco Chanel, die, noch gänzlich unbekannt, 1913 einen Hutladen in Paris eröffnet.

 

Für alle, die sich für Kunst und Kulturgeschichte interessieren: Nichts wie los in den nächsten Buchladen und kaufen oder irgendwo ausleihen!

 

http://www.fischerverlage.de 



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Irving Stone

Michelangelo

Biographischer Roman

rororo Taschenbuch, 736 S., 9.99 €

 

Es scheint, als hätte Stone eine Zeitreise unternommen, so detailgetreu, so blendend recherchiert und farbefroh ist dieses Buch. Die Lebensgeschichte Michelangelos ist so lebendig und fesselnd geschildert, dass man gar nicht mehr aufhören möchte zu lesen. Michelangelos Leidenschaft für Bildhauerei, seine Leidenschaft für den Marmor, seine Eigenwilligkeit und Leidensfähigkeit, seine Beziehungen zu den Künstlern seiner Zeit, all das und noch viel mehr wird in diesem prallen Roman so überzeugend und bildhaft geschildert, dass man das Gefühl bekommt, man sei mittendrin im Geschehen. Wer also interessiert ist an dem Leben Michelangelos, an seinen genialen Skulpturen und ihrer Entstehung, an der italienischen Renaissance und natürlich an Florenz, der sollte diese wundervolle Romanbiografie unbedingt lesen.

 

http://www.rowohlt.de/

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Maurizio Maggian

Himmelsmechanik

Aus dem Italienischen von Andreas Löhrer  

Edition Nautilus, Hamburg 2012, 344 S., 22.00 € 



Dieses Buch ist mehr als nur ein schön geschriebener Roman, es ist eine wundervolle Liebeserklärung an eine Region und deren Menschen mit einer sehr ansprechenden wunderbaren Sprachmelodie. (...) Ich empfehle diesen Roman jedem, der eher die leisen Töne bevorzugt, dem der Sinn nach Tiefe in den Gedanken steht und der Menschen mit all ihren Eigenarten und Schrullen in einer abgeschiedenen Region begegnen möchte.« (wordpress.com) – Besser kann man es gar nicht formulieren, weshalb ich dieses Zitat begeistert übernommen habe.

 

Bei der abgeschiedenen Region handelt es sich übrigens um die Garfagnana. Das ist ein toskanischer Landstrich, landeinwärts hinter den Marmorfelsen von Carrara gelegen. Dort droben in der Einsamkeit der Berge, nehmen sich die Figuren, die Maggianis Roman bevölkern, ganz selbstverständlich den Raum, den sie benötigen, um ihre diversen Schrullen und Eigenheiten intensiv und genussvoll auszuleben und zu kultivieren. Auch, aber nicht nur davon lebt dieses wundersame, sehr lesenswerte Buch.

 

http://www.edition-nautilus.de/verlag

 

 

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James Lord

Alberto Giacometti

Die Biographie

Fischer Taschenbuch Verlag, 2011 (3. Auflage), 480 S., 12,95 €

 

Der Kunstliebhaber James Lord lernte Alberto Giacometti, den genialen Plastiker, Zeichner und Maler 1952 zufällig in einem Pariser Café kennen, wo sie ein gemeinsamer Bekannter einander vorstellte. Der am 10. Oktober 1901 in einem schweizer Bergdörfchen geborene Künstler beeindruckte Lord zutiefst und seine entwaffnende Freundlichkeit und Unkompliziertheit waren ihm überaus symphatisch. So kam es, das James Lord Giacometti viele Male Modell saß und die beiden sich anfreundeten. Sie blieben bis zum viel zu frühen Tod des Künstlers im Jahr 1966 eng verbunden. 

 

James Lord gilt als einer der besten Kenner der Person und des Werks von Alberto Giacometti. In der Biographie gelingt es dem amerikanischen Autor denn auch, den Lebensweg und die Persönlichkeit Giacomettis, seine Zweifel, sein ambivalentes Verhältnis zu Frauen, seine Ängste und Agressionen und auch sein Werk auf einfühlsame Weise zu beschreiben. Er betrachtet Kindheit und Studienzeit und die darauf folgenden Jahrzehnte in Paris. das Leben mit Giacomettis Familie wird ebenso lebendig beschrieben, wie seine Freundschaften mit Bacon, Matisse, Picasso, Beauvoir und vielen anderen Künstlerpersönlichkeiten.

Ein überaus interessantes und lesenswertes Buch, welches einen dazu inspiriert, sich intensiver mit Giacomettis Leben und Werk auseinanderzusetzen.

 http://www.fischerverlage.de/verlage/fischer_taschenbuch

 

"Lies, um zu leben!"

Gustave Flaubert, französischer Schriftsteller (1821-1880)

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